„Das Ende der Gemütlichkeit“
4. Mai 2008
Eine Auseinandersetzung mit den Reformbestrebungen in der EKD
Vortrag von Prof. Dr. Isolde Karle beim Hannoverschen Pfarrvereinstag, 12.03.07: zusammengefasst von
H. Dieckmann; Veröffentlichung des Vortrags, Sept. 07, in : Zeitschrift f. Ev. Theologie, Heft 5: Kirchenreform
„Das Ende der Gemütlichkeit“: mit diesem Titel einer engagierten ARD-Sendung zum EKD-Impulspapier überschrieb die Bochumer Professorin für praktische Theologie, Dr. Isolde Karle, Teilnehmerin des Wittenberger Zukunftskongresses, ihre kritische Auseinandersetzung mit dem EKD-Papier. Vor 140 PastorInnen trug Isolde Karle ihre sehr bedenkenswerte Kritik zum Reformpapier der EKD unter sieben Gesichtspunkten vor.
1. „Das Ende der Gemütlichkeit“
Es sei verständlich, wenn angesichts leerer Kassen und einer bedrohlichen demographischen Entwicklung Reformanstrengungen unternommen würden, die Gemeinden und PastorInnen erhebliche Arbeitsbelastungen zumuteten. Doch leider setzten sich dabei die kirchlichen Organisatoren unter einen extremen humorlos-technokratischen Reformstress, weil sie im Sog der Unternehmensberater ihre Sensibilität für die Unterscheidung von Menschenwerk und Gotteswerk bei kirchlicher Zukunftsgestaltung verlören, statt zunächst einmal humorvoll und gelassen auf die Selbstwirksamkeit des Wortes Gottes zu vertrauen und damit die Distanz zum eigenen Tun von Martin Luther neu zu erlernen, der einmal von sich behauptet hat: „Ich hab’ allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben; sonst hab’ ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen hab’, wenn ich wittenbergisch Bier mit meinem Philippo oder Amsdorf getrunken hab’, allzu viel getan. Ich hab’ nichts getan.“ Aus diesem Grundvertrauen auf das selbstwirksame Wort Gottes müsse sich Kirche (über 50 mal genannt) wieder als Geschöpf des „Wortes Gottes“ (dieser Begriff fehle völlig) und nicht als Werk menschlicher Bemühung begreifen. Denn christlicher Glaube sei weder herstellbar noch käuflich. So verbiete sich jede Parallelisierung der Kirche mit einem Wirtschaftsunternehmen.
2. Megatrend Religion?
Die von den Autoren des EKD-Papiers angeführte „Wiederkehr der Religion“ sei aus mehrfachem Grunde kein Anknüpfungspunkt für die ev. Kirche:
- Die neue diffuse Religiosität ohne eine personhafte Gottesvorstellung sei wegen ihrer pantheistischen Grundkonzeption für kirchliches Handeln nicht anschlussfähig.
- Zudem verstecke sich hinter jener gern als „Spiritualität“ markierten neuzeitlichen Suche nach Sinn- und Identität das illusionär-ideologische Heilsversprechen einer von allen Dualismen wie z.B. ‚Seele-Leib’, Subjekt-Objekt’ befreiten ganzheitlichen Existenz.
- Die unbestimmte Religiosität der Postmoderne reiße beliebig ausgewählte Elemente der Religionen aus ihrem ursprünglichen, von Kohärenz und Verbindlichkeit geprägten Zusammenhang, um jede Verbindlichkeit zu vermeiden und sich jederzeit die moderne Option der Wahl zu erhalten.
- Die sehr geringen Chancen religiös-christlicher Anknüpfung außerhalb der verfassten Kirche belege die zweite Generation der Konfessionslosen, insbesondere in Ostdeutschland. Während im Jahre 2002 die Hälfte aller Ausgetretenen die christliche Taufe für ihr Kind anstrebten, wünschten dies von den Konfessionslosen der 2. Generation nur noch 8,5% im Osten und 21% im Westen.
Anders als die vom EKD-Papier vorgeschlagene Strategie der Anknüpfung an illusionär-ideologische Ganzheitsvorstellungen plädiert Isolde Karle deshalb dafür, gerade heutigen Menschen den christlichen Glauben und seine Kreuzestheologie als Hilfe zur Gestaltung ihrer Lebensambivalenzen und Identitätsfragmentarität nahezubringen.
3. Wachsen gegen den Trend?
Trotz einer kirchensoziologisch am Teilnahmeverhalten und an den Erwartungen der Kirchen-glieder festgestellten relativen Stabilität der ev. Kirche erlebe diese im Gegensatz zu den Kir-chen in Afrika, Asien und Nord- wie Süd-Amerika durch einen allgemeinen Säkularisierungs-prozess einen schleichenden Bedeutungsverlust, der sich auch auf die Religion beziehe, da die Kirche in Deutschland weiterhin zentrale Repräsentantin der Religion sei. In unserer Gesellschaft werde Religion in der Kirche gestaltet oder gar nicht.
Mit dem Religionssoziologen Professor Detlef Pollack aus Frankfurt/Oder widerspricht Isolde Karle darum der auch von vielen Theologen vertretenen These, in der gegenwärtigen Gesell-schaft werde weiterhin ungebrochen Religiosität gelebt – nur eben außerhalb der Kirche. Schon die Kirchenmitgliedschaftsbefragungen zeigten, dass sowohl bei den kirchlich Hochverbundene wie bei den kirchlich Distanzierten äußeres Teilnahmeverhalten und Kirchenbindung eindeutig mit innerer religiöser Glaubenseinstellung korrelierten, während bei den Ausgetreteten keine eigene religiöse Produktivität erkennbar sei. Lediglich eine kleine Minderheit von etwa 2-4%, der jedoch viel zu große Aufmerksamkeit zuteil werde, könne als religiös bezeichnet werden. Daher sei die Behauptung: „Ich bin weiterhin gläubig, auch wenn ich nicht den Gottesdienst besuche oder gar nicht mehr der Kirche angehöre!“ als Selbsttäuschung empirisch widerlegt. Offensichtlich täuschten sich die Menschen über die Konstitutionsbedingungen ihres Glaubens. Obwohl es theoretisch natürlich möglich sei, ohne Teilnahme am kirchlichen Leben an Gott zu glauben, gäbe es faktisch nur wenige, die ohne Kirche gläubig seien (Pollack). Dies gelte auch für die ca. 25% der Bevölkerung, die bereits Erfahrungen mit alternativer Religiosität gemacht haben: Sie sind überwiegend Kirchenglieder.
Obwohl nun die ev. Kirche in den letzten Jahrzehnten sich erheblich positiv verändert habe, und ihre PastorInnen gute Arbeit leisteten, sei es der Kirche nicht gelungen, Teilnahmeverhal-ten wie Mitgliederbestand erkennbar zu steigern. Denn durch die deutliche Parallelität des säkularisierungsbedingten Bedeutungsverlustes von Kirche und Religion könne die Kirche ihre enormen demographie- und austrittsverursachten Mitgliederverluste kaum kompensieren. Es sei darum eine hoffnungslose Überforderung, die nur zu tiefer Depression führen müsse, bis 2030 die Quote der Gottesdienstbesucher auf 10% und der Taufe, Trauun-gen und Beerdigungen auf 100% steigern zu wollen. Realistische Ziele wären kleine Verbesserungsschritte wie z.B. die Steigerung des Gottesdienstbesuches auf 5-6%.
4. Kirche der Distanz oder Kirche der Nähe?
Ihr ausgeprägtes „Veränderungspathos“ verstelle den EKD-Reformern den Blick auf die seit 2000 Jahren bewährten und von den Kirchengliedern nachweislich geschätzten Ortsgemeinden. So werde die drastische Reduzierung der Ortsgemeinden von 80 auf 50% und die Steigerung der Profilgemeinden von 15 auf 25% und der Netzwerk-Gemeinden von 5 auf 25% vorgeschlagen, was auch die entsprechende Absenkung von Gemeindepfarrstellen und Aufstockung der Funktionspfarrstellen bedeute. Hier würden Modernisierungsvorstel-lungen wiederbelebt, die in den 1970-er Jahren zu Recht gescheitert seien. (s. I. Karle, Der Pfarrberuf als Profession, Gütersloh 2001, 2. Auflage, S.258-263) Während zunehmend Unternehmen durch dezentrale Ansiedlung in der „Fläche“ wieder die größere Nähe zu den Menschen suchten, setzten die EKD-Organisationsspitzen auf Zentralisierung und Rückzug aus der Fläche und gingen mit ihrer klaren Bevorzugung passagerer, dh gelegentlicher kirch-licher Begegnung in den Profil- und Netzwerkgemeinden (mit ihren weiten Wegen zu beson-deren Events für Gruppen Hochmotivierter) auf Distanz zur Kirchenglieder-Mehrheit.
Im Gegensatz zu dieser Fehlplanung sieht Isolde Karle in den Ortsgemeinden den unverzichtbaren Rahmen jeder kirchlichen Gemeindepraxis; denn die Gemeinde vor Ort habe gegenüber der vom EKD-Papier privilegierten ‚Kirche auf Distanz’ erhebliche Vorzüge:
- Die kurzen Wege und niederschwelligen, alltäglichen Begegnungsmöglichkeiten im vertrauten Nahbereich der Ortsgemeinden erleichtern (gerade den kirchlich Distanzierten) den Zugang zur ev. Kirche und die Ausbildung eines Gefühles von Zugehörigkeit und Beheimatung: „Die Kirche lebt als Leib Christi zentral von den vielen überschaubaren personalen Gemeinschaften vor Ort und von der Vertrautheit von Gesichtern und Räumen, die nachgewiesenermaßen die Bindung an die Kirche am nachhaltigsten stärken.“
- Durch das Netz der Ortsgemeinde in der EKD gäbe es zudem in ganz Deutschland diese besonderen kirchlichen Kontaktmöglichkeiten.
- Die überschaubare Ortsgemeinde sei mit ihrer „authentischen Öffentlichkeit“ (Michael Welker) der geeignete Ort für „interaktive“, dh direkte, persönliche Kommunikation von leibhaft Anwesenden. Diese interaktive Kommunikation in den Ortsgemeinden habe gegenüber der sonst in unserer Gesellschaft vorherrschenden und weithin auch vom EKD-Papier angestrebten medialen Kommunikation eine einzigartige Qualität von Nachhaltigkeit und Anschaulichkeit. Interaktive Kommunikation sei unverzicht-bar, wenn es, wie z.B. in Familie, Schule, Arztpraxis, Rechtsprechung, Seelsorge um Identitätsentwicklung und glaubwürdige Vertrauensbeziehungen (z.B. zu einer PastorIn) gehe. „In Ortsgemeinden werden…damit authentische Begegnungen um das Wort Gottes herum ermöglicht.“
- In einer modernen funktional differenzierten Gesellschaft mit ihrer zwangsläufigen Unübersichtlichkeit, Anonymität und Aufsplitterung sei die vertraute Nähe und Beheimatung stiftende Ortsgemeinde als „intermediäre Institution“ (M.Welker) auch in hervorragender Weise geeignet, die dringend notwendige Vermittlung zwischen dem Individuum und der Gesamtgesellschaft zu übernehmen.
- Dabei könne gerade die Ortsgemeinde in ihrer typischen Heterogenität die Pluralität der Gesellschaft gut widerspiegeln und die überlebenswichtigen Prozesse gesellschaftlicher Kompromissbildung und Verständigung vorbildlich einüben.
- Dass die Gesellschaft „nicht irgendwo ‚draußen’, außerhalb der Kirche, zu finden“ sei, wie die ältere Kirchensoziologie der 1970-er Jahre fälschlich annahm, weil sie Kirche und Gesellschaft einander gegenüberstellte und nicht erkannte, wie Kirche, und damit vorrangig die Ortsgemeinde, in einer funktional differenzierten Gesellschaft Teil der Gesamtgesellschaft sei und sich darum Gesellschaft „mitten im Leben der Ortsgemeinde“ vollziehe, legt Isolde Karle in ihrer Habilitationsschrift: „Der Pfarrberuf als Profession“ auf den Seiten 243-265 eingehend und überzeugend dar.
5. Passanten in der Ortsgemeinde
In seinem begrüßenswerten Bemühen um passagere Kontakte für Kirchenglieder übersehe das Reformpapier die wichtigste „Passantengemeinde“ der Volkskirche: die unmittelbar an die Ortsgemeinde gebundene „Kasualgemeinde“, zu der auch die 80% kirchlich Distanzierten gehören, die die kurzen Wege zu den OrtspastorInnen nutzen, um in den Wechselfällen des Lebens professionell-pastorale Begleitung zu erhalten. Darum seien gerade im Hinblick auf diese Kasualgemeinde PastorInnen die Schlüsselfiguren der ev. Kirche, wie dies die EKD-Mitgliedschaftstudie von 2002 wiederum bestätigt: So kennen 85% aller Gemeindeglieder ihre PfarrerIn; von 54%, die mit ihr gesprochen haben, beurteilten 92% den Eindruck als sehr gut und gut, 0% als schlecht, 7% als weniger gut; nach Eltern und Großeltern haben bei 60% der Kirchenglieder die PastorInnen den stärksten Einfluss auf die religiös-kirchliche Soziali-sation ausgeübt. GemeindepastorInnen haben durch ihre vielfältige Gemeindearbeit sogar ‚Nichtkirchenglieder’ wieder für die Kirche interessiert und gewonnen. Anders als milieube-zogene Profilgemeinden sind Ortsgemeinden gerade nicht so milieuverengt, wie immer wieder unterstellt wird, wenn auch die örtlichen Gottesdienst- und Gruppen-Gemeinden durchaus zuweilen milieuverengende Effekte haben können.
6. Lösen oder schaffen Profilgemeinden Probleme?
Das EKD-Reform-Papier setze mit seiner Privilegierung der Profil- und Netzwerk-Gemeinden viel zu stark und zu ungeprüft auf derzeitige modische Trends. Wohl könne Profilbildung unter bestimmten Umständen z.B. in der Großstadt sinnvoll sein. Tourismus- und Akademie-Gemeinden, City- und Jugendkirchen sowie Internet-Arbeit seien wichtige Ergänzungen der Ortsgemeinden, deren kirchliche Arbeit sie jedoch als Basis voraussetzen. Gleiches gelte auch von den Funktionspfarrstellen, deren Gemeinden, falls überhaupt vorhanden, in der Regel nur kurzfristig, auf ganz bestimmte Personenkreise wie Kranke, Gefangene, Soldaten oder Schüler beschränkt, existierten.
Grundsätzlich sei jedoch zu beachten, dass jede profilierende Schwerpunktbildung im Sinne zielgruppenorientierter kirchlicher Angebote zwangsläufig eine Milieuverengung nach sich ziehe, da jede Konzentration auf bestimmte Personenkreise andere Gruppierungen notwendig ausschlösse. Insofern dürften Profilgemeinden in ihrer Bedeutung nicht über-schätzt werden. Denn die Stärke der Volkskirche bestehe gerade in ihren vielschichtigen, heterogenen Ortsgemeinden. In ihr finde Gesellschaft genauso statt wie im Betrieb, im Gefängnis, in der Akademie oder in der Schule. Gerade in den dezentralen Strukturen der Ortsgemeinde könne das Allgemeine Priestertum aller Gläubigen auch unabhängig vom Pfarramt zu seiner vollen Geltung kommen.
7. Die Krise der Kirche – ein Managementproblem?
Das Zentralproblem der ev. Kirche in Deutschland ist nach Karle kein Management-problem, sondern eine theologische Orientierungskrise. Daher sei der Kirche wie ihren PastorInnen dringend zu raten, sich vorrangig um eine inhaltliche Verbesserung von Predigt und Gottesdienst zu mühen und damit auch den Erwartungen der Kirchenglieder zu entsprechen, die gute Predigten und Gottesdienste wünschen. In dieser Situation zwei Drittel der Gottesdienste nichtprofessionellen PrädikantInnen und LektorInnen überantworten zu wollen, bedeute eine unverantwortliche Überforderung von Ehrenamtlichen.
Die ersten Reaktionen der hannoverschen PastorInnen auf Isolde Karles Ausführungen und die anschließende intensive zweistündige Diskussion mit der Bochumer Kritikerin der EKD-Reformer zeigten: die PfarrerInnen sahen sich in ihren pastoralen Erfahrungen mit der Ortsgemeinde als volkskirchlicher Wurzelpunkt für die überwiegende Mehrzahl der Kirchenglieder nahezu einhellig bestätigt. Konkretisiert und vertieft wurde diese Einsicht noch einmal in Karles Antworten auf Nachfragen des Plenums z.B. zum Verhältnis von Ortsgemeinde und Profilgemeinde, zur Bedeutung von Mission, zu einem möglichen Stadt-Land-Gefälle, zur Leistungskraft von Management-Methoden, zur Aufgabe von Funktions-pfarrämtern, zur Gewinnung von Ehrenamtlichen, insbesondere als PrädikantInnen und LektorInnen, zu erreichbaren Zielen kirchlicher Reformanstrengungen.
Zurückhaltend reagierte Isolde Karle auf Bitten nach praktischen Umsetzungsvorschlägen für ihre Grundthesen. Gleichwohl riet sie den GemeindepastorInnen dringend, ihre Predigten in selbstorganisierten Gruppen miteinander offen zu besprechen und sich dabei um eine angemessene Übertragung von biblisch-reformatorischen Grundbegriffen wie ‚Recht-fertigung’, ‚Gnade’, ‚Sünde’, ‚Aufstehung’ in heutiges Denken und Sprechen erneut zu mühen, um der theologischen Orientierungskrise der Kirche entgegenzuwirken.
Beinahe seelsorgerlich wohltuend wirkten die Ausgewogenheit von Karles Kritik an den offensichtlichen Überforderungen durch das EKD-Impulspapier und ihre leidenschaftliche Ermutigung zu leistbarer professionell-pastoraler Arbeit in dem von Martin Luther gelernten Vertrauen auf Gottes selbstwirksames Wort.